Linienbus statt Auto – ein Kulturschock

Wenn man gewöhnlich alle Strecken des Alltags mit dem Auto zurücklegt, dann ist die Benutzung des ÖPNV ein echtes Erlebnis. Was wir als Linienbus-Benutzer erlebt haben, hatte schon Kulturschock-Dimensionen.

Wir wollen zur Fridays-for-Future-Demo nach Siegburg und dabei natürlich ein Zeichen für Klimaschutz setzen. Wenn wir Linienbus statt Auto fahren, dann wäre das doch passend, dachten wir. Normalerweise fällt Busfahren in unserem Alltag aus, denn die nächste ÖPNV-Haltestelle liegt 1,5 km entfernt. Dieses Mal sollte es aber der Bus sein. Von Oberpleis nach Siegburg in einer halben Stunde, das klang gut. Dafür nahmen wir dann nochmal gut 20 Minuten Fußweg bis zur Haltestelle in Kauf. An der Haltestelle angekommen, studierten wir ÖPNV-Anfänger den Aushang. Dass die VRS mehr als 21 Euro für diesen Ausflug von uns kassieren wollte, konnten wir kaum fassen. Die einzig günstigere Alternative war das 5-Personen-24-Stunden-Ticket für einen Euro weniger, also kein echter Trost. Weil wir ohne ein bestehendes Nutzerkonto nicht mal eben schnell ein  Handy-Ticket kaufen konnten, bleib uns nur die teuerste Alternative.

Wir waren früh aufgebrochen, um unseren Bus auf keinen Fall zu verpassen. Als ein ums andere Auto an uns vorbeirauscht, fast immer mit gerade mal einer Person besetzt, fühlen wir uns schon ziemlich klimaschonend. In gewisser Weise machte das die Aussicht auf den hohen Fahrpreis wieder wett.

Der Linienbus kommt pünktlich, was wir als Pluspunkt verbuchen. Als der Busfahrer eine gefühlte halbe Ewigkeit mit dem Display seines Ticketdruckers kämpfen muss, war dieses Pünktchen schnell wieder aufgebraucht. Wir sollen uns doch hinsetzen, meint er schließlich, von der Technik kapitulierend. Ein  anderer Fahrgast kommentiert: Wir hätten Glück, wenn jetzt kein Kontrolleur käme. Tolle Aussichten! Während der so um gefühlte drei Minuten verzögerten Weiterfahrt klaviert der Fahrer ungerührt weiter auf dem Display herum. Drei Haltestellen weiter meldet er Vollzug: Wir können nun doch noch unseren Fahrschein erwerben und die Fahrt im Status rechtschaffener Bürger fortsetzen.

 

Komfort im Linienbus: Fehlanzeige

Als gewöhnlich Autofahrende machen wir minütlich neue Entdeckungen. Wir hatten uns für einen Vierer-Sitzblock entschieden, ein wenig mehr Beinfreiheit dank der Sitzanordnung inklusive. Die Breite der Plastiksitzschalen dagegen ist nicht wirklich komfortabel. Es liegt nicht nur an unseren dicken Winterjacken, dass Kuschelnähe zum Nachbarn dazugehört. Das fanden wir gewöhnungsbedürftig. Als auf der gegenüberliegenden Sitzbank eine Schülerin und eine zierliche Seniorin Platz nehmen, bleibt uns wenigstes die Beinfreiheit erhalten und folglich ein Sardinenbüchsengefühl erspart. Wer sonst die raumfüllende Freiheit eines PKW genießt, für den ist der fehlende Individualabstand schon fast ein Kulturschock.

 

Sicherheit im Linienbus?

Kaum dass zusteigende Fahrgäste den Eingangsbereich verlassen haben, brettert der Linienbus wieder los. Sanft fährt er dabei nicht an. Ich beobachte viele Senioren, die sich gekonnt von Haltestange zu Haltestange hangeln, um dann im nahezu perfektem Einklang mit den Schaukelbewegungen des Busses in eine Sitzschale zu plumpsen. Das spricht für regelmäßige Übung, denke ich. Je länger wir fahren, umso stärker wächst meine Überzeugung, dass der plüschige Sitzbezug nicht nur ein Komfortfaktor ist. Bei völliger Abwesenheit von Sicherheitseinrichtungen dient er vor allem dem rutschfrei-sicheren Sitz der Passagiere. Eine gehbehinderte Frau schafft es vor dem Anfahren des Busses gerade noch bis zum Sitz gleich hinter dem Fahrer. Ein Bein durchgestreckt auf der Stufe zum Sitz, nur halb in den Schalensitz gerutscht hält sie sich mit einer Hand an der Haltestange fest, während die andere Hand die Einkaufstasche umklammert. Schon deutlich vor ihrer Zielhaltestelle stemmt sie sich wieder in die Höhe und hangelt sich zum Geländer im Einstiegsbereich des Busses. Es wirkt, als ob sie sich rechtzeitig für die kurze Türöffnungphase in Stellung bringen will, um in leidlicher Sicherheit aussteigen zu können. Dass sie heute einen Bus mit Neigungstechnik erwischt hat, dürfte ihr entgegenkommen. Ob Unfälle in Linienbussen häufig vorkommen, frage ich mich.

 

Tückische Technik

Der Ticketdrucker verhält sich übrigens auch sonst ziemlich zickig, nicht nur bei uns. Deswegen dauern die Haltestellenstopps immer wieder etwas länger. Am Ende kommen wir fünf Minuten verspätet in Siegburg an. Die Stempelmaschine sieht aus wie die, die ich noch aus meiner Schulzeit vor der Jahrtausendwende kenne. Sie funktioniert ebenso mechanisch und problemlos wie die Münzrückgabe. Einzig das vermeintlich moderne Touchscreen entpuppt sich als Zeitfresser und trägt klar erkennbar zur Unpünktlichkeit bei. Auf der Rückfahrt werden wir das später noch einmal beobachten können.

 

Busfahren ist eine anonyme Angelegenheit

Komfort und Sicherheit waren bis zur Ankunft in Siegburg wenig überzeugend. Der Bus parkt so weit vom Bordstein weg, dass beim letzten Schritt aus dem Bus gut 40 cm bis zur Fahrbahnhöhe zu überwinden waren. Wer als älterer Fahrgast neben sich selbst  noch einen Einkaufsrolli sicher herauswuchten wollte, braucht Glück oder eine mitmenschliche Hand. Die ist allerdings nicht im Fahrpreis inbegriffen.

 

Wo geht die Reise hin?

Unsere Einstiegshaltestelle wird von vier Buslinien angefahren, drei davon im Stundentakt. Die vierte fährt nur einmal am Tag als Schulbus. Bei dieser Taktung muss eine Busfahrt gut geplant und mit dem eigenen Alltag gut abstimmt werden. Wer den Linienbus verpasst, hat schlechte Karten für die eigene Terminplanung. Geht das auch anders? Dichtere Taktungen, komfortablere Busse würden die Preise weiter hochtreiben. Das scheint mir keine gute Idee zu sein. Von alternativen Mobilitätskonzepten reden viele. Viele überzeugend praxistaugliche Ansätze für den ländlichen Bereich habe ich berim Stöbern im Internet bisher noch nicht gefunden.

Linienbusse sind groß, können laut einem Schild im Eingangsbereich bis zu 188 Personen mitnehmen. Diese Größe dürfte in den Stoßzeiten morgens und abends ausgereizt sein. Überrascht hat mich, dass von den gut 70 Sitzplätzen weitgehend zwei Drittel besetzt waren. Untertags und in den Randzeiten wird viel leerer Bus nutzlos durch die Straßen bugsiert. Das kostet und trägt zu den hohen VRS-Fahrpreisen bei, die übrigens zu den höchsten in ganz Deutschland zählen.  Die Idee eines bundesweiten Nahverkehrsticket für 365 Euro im Jahr hat Charme. Städte wie Aschaffenburg und Reutlingen bieten es schon an. Wenn die Kosten des Fernsehangebots auf alle Bürger per Gebühr umgelegt werden kann, dann dürfte das doch wohl auch für den öffentlichen Nahverkehr funktionieren.

Wer das Auto gewohnt ist, für den ist der Wechsel zum Linienbus wenig attraktiv. Ein bisschen mehr Individualabstand, mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse Älterer und besser funktionierende Tickettechnik würde ich mir wünschen. Ich bin kein Fan von Uber & Co, verstehe jetzt aber deutlich besser, welches Potenzial in dieser ÖPNV-Alternative steckt. Liebe VRS, da musst du dir etwas einfallen lassen. Wir werden es dir danken.

Rita Seidel, Königswinter

Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Digitalisierung, in der Freizeit am liebsten im eigenen Garten und in Bewegung. Ich habe viel übrig für Fridays for Future und suche nach Lösungen für das Klimadesaster, die wirkungsvoll und praktikabel sind. Ich will dazu beitragen, uns und nachfolgenden Generationen die Lebensbasis zu sichern. Denn wir haben nur eine Erde. Und jede Menge Gründe, sie zu erhalten. 

Linienbus statt Auto – ein Kulturschock

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